Dr. Dr. h.c. Christian Schelter (16.2.1926 – 15.5.2018) verstorben

September 1989. Als Vorsitzender des bayerischen Ausschusses der Notarassessoren verantworte ich eine Fachtagung im Maritim-Hotel in Nürnberg mit dem Titel „Notar 2000“. Auslöser sind die Bastille-Beschlüsse des BVerfG und die hieraus folgende Zulässigkeit überörtlicher Anwaltssozietäten. Wir Assessoren sorgen uns um unsere berufliche Zukunft und wollen darüber reden. In monatelanger Vorbereitung entwickeln wir Thesenpapiere für Workshops zu Fragen der Notarsozietät, zum sonstigen Berufsrecht und vor allem zu einem zentralen Gutachten- und Informationsdienst nach französischem und niederländischem Vorbild. Präsident Helmut Schippel (1931-1999), dem ich im Vorfeld über unser Vorhaben berichte, zeigt sich aufgeschlossen. Aber hinter unserem Rücken informiert er die anderen Notarkammern und Vereine. In Nürnberg sind auf einmal alle „üblichen Verdächtigen“ da und mir wird klar, dass ich jetzt vor der versammelten Standesführung schaulaufen darf.

Auf der Tagung nimmt Schelter mich einen Moment beiseite: „Sagen Sie, kommen Sie mit der Finanzierung der Veranstaltung klar?“ Ich: „Bis jetzt liege ich mit Kammerzuschuss und Tagungsbeitrag noch im grünen Bereich“. Darauf Schelter: „Wenn es nicht reichen sollte, ich übernehme eine Ausfallbürgschaft!“ Man kann kaum ermessen, wie viel Sicherheit diese paar Sätze mir ebenso unerfahrenem wie aufgeregtem Notarassessor gegeben haben. Ich werde das nie vergessen.

Vier Jahre später wird in Würzburg das Deutsche Notarinstitut errichtet. Im Herbst dieses Jahres feiern wir sein 25-jähriges Bestehen. Der Bayerische Notarverein hat in den damals berufspolitisch bewegten Zeiten in seine Kriegskasse gegriffen und mit einem großen Geldbetrag den Grundstock für die Fachbibliothek des DNotI gelegt. Schelter hat diese Entscheidung mit verantwortet. Nicht nur aus diesem Grunde würde ich ihn gern auf seinem Ehrenplatz im Parkett sehen. Das soll nun nicht mehr sein.

Als ich Notarassessor wurde, war Schelter bereits Vorsitzender des Bayerischen Notarvereins. Er blieb es bis 1992, bis zum Eintritt in den Ruhestand wollte er noch – um ihn zu zitieren – einmal in seinem Leben „nur Nur-Notar“ sein. 1982 hatte er dieses Amt vom legendären Mit-Vater der Bundesnotarordnung, dem Münchner Notar und (in den entscheidenden Jahren) CSU-Bundestagsabgeordneten Franz Seidl (1911-1992) übernommen. Von 1973 bis 1989 war er auch Vizepräsident der Landesnotarkammer Bayern und verkörperte in bayerischer Tradition die personelle Verflechtung der Standesorganisationen. Im Triumvirat mit Schippel (Präsident der Landesnotarkammer Bayern 1973-1993) und Wolfgang Ring (geb. 1931, 1986-1998 Präsident der Notarkasse) nahm ich ihn als den integrierenden „Standesvater“ wahr. Vor Schippel fürchteten wir uns ein wenig, schon wegen seines messerscharfen Intellekts. Jedenfalls wir Jungen liebten dagegen Schelter und seine Frau Anita, zusammen mit Seidls Ehefrau die „Assessorenmütter“.

Doch Schelter war auch ein Kämpfer. Zusammen mit dem ehemaligen Me 262-Flieger Germar Hüttinger (1921-2017) oder Peter Lichtenberger (1929-2002) gehörte er zu denen, die den allmächtigen Georg Feyock (1902-1971; Schelters strenger Ausbildungsnotar) Schritt für Schritt beiseite drängten und so den Weg für die „Generation Schippel“ freimachten. Hand in Hand mit der personellen kam die programmatische Erneuerung. So fand der Beruf in den 1970er-Jahren bundesweit Wege aus der durch Missstände bei den Bauträgerverträgen ausgelösten ernsten Legitimationskrise.

Seine Kämpfernatur stellte Schelter in den Wendejahren nochmals unter Beweis. Noch heute bewundere ich als damals junger Berufsanfänger, mit welcher Verve er sich neben vielen Kollegen seiner Alterskohorte damals in die Bresche warf, als es um die Unterstützung der staatlichen Notarinnen und Notare in der DDR ging. Sei es Hilfe bei der Büroeinrichtung durch eine Bürgschaft des Bayerischen Notarvereins für ein Einrichtungsdarlehen der Bayerischen Vereinsbank AG, seien es Gespräche im DDR-Justizministerium im Sommer 1990 oder die zahllosen Aktivitäten bei der Verteidigung des selbständigen Nur-Notariats im Beitrittsgebiet: Wenn es mal wieder irgendwo brannte, war Schelter sofort da.

Ob Integrator oder Kämpfer, Schelter verkörperte genau das, was einen Notarverein als berufspolitischen „Plan B“ neben einer Notarkammer unverzichtbar macht. So verwundert nicht, dass er bei Gründung des Deutschen Notarvereins im März 1991 zu einem der beiden Vizepräsidenten gewählt wurde. 1995 schied er aus dem Vorstand wieder aus. Dr. Hans Wolfsteiner (geb. 1937) rückte zum Vizepräsidenten auf, ich selbst rückte in den Vorstand nach.

„Wie die Jungfrau zum Kind“ (so seine eigene Sicht) kam er zu einer Testamentsvollstreckung, im Zuge derer er die Wilhelm-Sander-Stiftung errichtete. Heute gehört sie zu den großen deutschen Wissenschaftsstiftungen. Sie widmet sich der medizinischen Forschung, speziell auf dem Gebiet der Onkologie. Schelter führte sie 28 Jahre lang als Vorsitzender des Stiftungsrats. Mit hohen Auszeichnungen wie den Bayerischen Verdienstorden oder das Bundesverdienstkreuz erster Klasse oder einer Ehrendoktorwürde wurde nicht zuletzt seinem Wirken in dieser Stiftung Anerkennung erwiesen. Vielleicht ist der Stiftungsmanager Schelter noch wirkungsmächtiger gewesen als der Berufspolitiker.

Schelter hinterlässt neben seiner Frau eine Tochter und einen Sohn mit jeweils drei Kindern. Den Enkelkindern fieberten nicht nur seine Frau, sondern auch er selbst für uns alle sichtbar entgegen. Auch das bezeugt seine Herzenswärme.

Schelter steht für ein aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs hervorgegangenes Berufsbild, geprägt von kollegialer Solidarität und Bescheidenheit ebenso wie von harter Leistungsorientierung sich selbst gegenüber. Nicht zu vergessen: Notar war er ja auch noch, mit seinem großen und fachlich anspruchsvollen Erlanger Amt. Das und nicht neoliberale Selbstoptimierung hat unser Land zu dem gemacht, was es ist. Daher vergesse ich nicht nur gewisse Begegnungen nicht, sondern auch bestimmte Menschen. Ich schätze mich glücklich, Christian Schelter gekannt zu haben. Wir alle dürfen dankbar sein, dass es ihn gegeben hat. Vielleicht sieht er uns ja im Herbst in Würzburg mit seinem wachen und wohlwollend kritischen Blick in die Augen. Das wäre seine Art. Auf uns herab sieht er nicht, das wäre nicht Christian Schelter.

Notar Dr. Oliver Vossius